Fäden die die Welt bedeuten

Wer vermisst die guten alten 80er? Wer hat sich bei Stranger Things so richtig heimelig gefühlt? Wer bei der Antwort ein wohliges Schaudern empfindet, dem wird auch dieses Buch gefallen. Die ersten Seiten rissen mich zügig in einen Sog aus Wohlfühlkino und Good Old Time Feeling. Allerdings spielt der Roman keineswegs in tiefster Vergangenheit. Die übersichtliche Schar der Hauptprotagonisten könnte zwar durchaus mit den Kids aus Hawkins verglichen werden, dennoch werden neben zeitgemäßen Smartphones auch aktuelle, technische Gerätschaften verwendet. Das holt den Leser gewissermaßen zwar wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, wird aber auch damit kaschiert, dass ein unheimlicher Effekt sämtliche moderne Technik im Zeitraffer altern und ausfallen lässt. Perry Rhodan und die Hyperimpedanz lassen grüßen. Wobei ich fast sicher bin, dass der Autorin die größte Science Fiction Serie der Welt relativ unbekannt sein wird.

In Hawkins….äh pardon…. Doubtful -was für ein passender Name!- werden regelmäßig Menschen entführt und brutal zerstückelt. Das alles findet des Nachts statt. Dies führte zwangsläufig zu einer konsequent eingehaltenen Ausgangssperre nach Einbruch der Dunkelheit. Verhängt von der Polizei und vom Großteil der Bevölkerung respektiert. Der ortsgefürchtete und gemiedene Hauptverdächtige kauft regelmäßig rote Fäden im Dorfladen. Sämtliche Tatorte werden mit ebenjenem Garn weitläufig markiert, was den Mythos zusätzlich schürt. Ein eigentlich offensichtlicher Fall. Dennoch handelt die Polizei nicht und lässt den betroffenen Stadtbewohner auf freiem Fuß. Völlig unverständlich natürlich für die Bevölkerung, die es trotz der dunklen Machenschaften eines Wahnsinnigen nicht schafft, der Stadt endgültig den Rücken zu kehren. Wer einmal in Doubtful gelandet ist, verlässt die Stadt zu Lebzeiten nicht mehr. Warum das so ist und welche zweifelhaften Geschehnisse dazu führen werden, dass die Jagd nach dem sogenannten Stitcher in einer grausigen Horrorstory endet, das erzählt Darcy Coates in ihrem neuen Roman.

Die Autorin lässt sich viel Zeit mit dem Aufbau ihrer Charaktere. Die Handvoll junger Freizeitermittler wird so toll gezeichnet, dass rasend schnell eine Atmosphäre geschaffen wurde, die einen nicht mehr los lässt. Anfangs las sich das Werk eher wie ein Jugendroman, wurde dann im weiteren Verlauf aber schnell zu einem immersiven Horrorthriller. Der deutsche Buchtitel hält was er verspricht. Mir fiel es zunehmend schwer, mir die eigentlich Erwachsenen Hauptprotagonisten nicht als neugierige Kinder vorzustellen, die mit ihren BMX-Rädern durch die Wälder rasen. Fernab des bereits erwähnten Franchise finden sich auch Anleihen von anderen Streaming-Serien wie „Es“ und „Dark“ darunter. Der Stitcher selbst hat mit dem gruseligen Clown wenig gemein. Dennoch sind beides furchteinflößende Gestalten, die mit den Empfindungen einer Kleinstadtbevölkerung spielen. Und Spaß daran haben. Der eine mehr, der andere weniger. Nicht nur gelingt es der Autorin, alle Fäden äußerst trickreich zusammenzuführen. Sie schafft es auch, regelmäßig zu überraschen. Zu offensichtlich gibt es nicht. Alles findet eine befriedigende Antwort. Mir gefiel das Pacing ganz gut. Hätte aber gerne auch ein wenig ausgewogener sein können. Gerade im Mittelteil fehlte zwischenzeitlich ein wenig der Zug. Bis der Horror im Thriller sichtbar wurde, vergingen einige Momente. Da ich ein großer Freund von intensivem Charaktertelling bin, konnte ich die kleinen Längen gerne verzeihen.

Ich würde den Roman all jenen empfehlen, die ein Interesse an den angesprochenen Serien und Filmen haben. Die ein stellenweise kindliches oder jugendliches Charakterverhalten nicht als störend empfinden und die eine harte Genrewandlung im Roman, hin zum reinen Horror, als Kunstform zu schätzen wissen. Wer sich grundsätzlich an zeitweiligem Jugendromanflair stört oder hier einen klassischen Horror vermutet, dem sei dringend abgeraten, dieses Buch zu lesen. Ich jedenfalls finde, dass Darcy Coates mit ihrem neuen Werk eine kleine Schatztruhe voller wunderbarer Reminiszenzen geöffnet hat. Ich habe gerne hinein gegriffen und mich oftmals sehr wohl dabei gefühlt. Bis auf den Stitcher. Nicht Stricher, nicht Sticher! In der deutschen Übersetzung wird das australisch-englische Original verwendet. Vier von fünf rote Häkelnadeln gehen nach Down Under.

Review: Where he can’t find you von Darcy Coates
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