In der Reihe »PERRY RHODAN Storys« werden unter dem Stichwort »Galacto City« sechs kurze Romane vorgelegt, die in der Frühzeit der Serie in eben jener Stadt spielen, die später unter dem Namen Terrania zumindest im näheren kosmischen Umkreis Bekanntheit erlangen sollte. Die Redaktion vermeldet hierzu: »Das Schicksal einzelner Personen wird hierbei in den Vordergrund gestellt. Sechs Autorinnen und Autoren erwecken eine Epoche zu neuem Leben, die in unserer Vergangenheit liegt und doch die Zukunft zeigt. Es ist die Zeit von Galacto City …«.
Ich erwartete daher Geschichten über die Erlebnisse von Menschen, die sich in einer Zeit des Aufbruchs in die Wüste Gobi wagen, um diese einschneidenden Ereignisse in der menschlichen Historie hautnah miterleben zu können. Zudem ist relativ wenig darüber bekannt, wie sich das Leben dort anfühlte und wie die Dritte Macht lokalpolitisch agierte. Hier hätten Exposé-Autor Alexander Huiskes und seine Mitstreiter genügend Platz, um sich auszutoben.
Der erste Band ist mittlerweile erschienen, der zweite angekündigt und tatsächlich scheinen bekannte Figuren in den Mittelpunkt gerückt zu werden. In »Aufbruch in die Weiße Stadt« von Andreas Eschbach ist es Vince Tortino, »Die Friedensforscherin« von Tanja Kinkel handelt von Betty Toufry.
Über »Aufbruch in die Weiße Stadt« möchte ich im Anschluss ein wenig schreiben. Die wichtige Ankündigung gleich vorab: Der Text ist NICHT SPOILERFREI! Im Zweifel sollte also der Roman vorher genossen werden.

Von Tin Can zu Vince

Hauptperson in Andreas Eschbachs Geschichte ist Vince Tortino, den treuen Lesern auch bekannt als Tin Can. Er spielte insbesondere in Eschbachs Serien-Prequel »PERRY RHODAN-Das größte Abenteuer« und in den zugrundliegenden Heftromanen eine besondere Rolle. Wenn man so will, hat er Perry Rhodans Leben einen gewissen Impuls gegeben.
Jener Vince hat sein Leben weiterhin im Zwielicht verbracht und sich mit Diebstählen über Wasser gehalten. Zur Handlungszeit 1972 hat er allerdings einen »richtigen« Job und mit Susan Dayle ist eine Frau in sein Leben getreten, die er nicht mehr verlieren möchte. Der Heiratsantrag steht im Raum.
Doch es ist nicht so einfach, mit der Vergangenheit abzuschließen. Denn ein (auch dem Leser) alter Bekannter tritt auf den Plan. Louis G. Anson aka Logan tritt an ihn heran und verleitet ihn zu einem Diebstahl, den er in Galacto City durchführen soll. Vince lockt dabei die Aussicht, von der Bezahlung einen ordentlichen Verlobungsring kaufen zu können, und sagt zu.
Durch die Augen von Vince führt Eschbach den Leser durch die im Entstehen befindliche Stadt Galacto City und lässt ihn die Wunder der neuen Zukunft spüren. Während im Rest der Welt noch Telefone mit Hörern zur Kommunikation nötig und die Ferngespräche störanfällig sind, reicht in der Weißen Stadt eine Anweisung an die Hauspositronik für eine glasklare Verbindung. Komfortables Fliegen im Gleiter steht holprigen Flugzeugen gegenüber. Galacto City verdirbt die Menschen für den Rest der Welt, stellt eine Nebenfigur fest. Vince kann über die Wunder der arkonidischen Technik staunen und der Leser tut es mit ihm.

Der Diebstahl gelingt. Doch das Objekt der Begierde ist nicht ein Durchleuchtungsgerät, wie Logan ihm weismachen wollte. Vince hält einen Psychostrahler in der Hand und setzt ihn auch ein, um seine Spuren zu verwischen. Später denkt er auch darüber nach, seinen Auftraggeber zu linken und sich die Macht dieser Waffe selbst zunutze zu machen. Dies kontrastiert den ebenfalls im Roman beschriebenen Versuch, den Psychostrahler zur Behandlung psychischer Erkrankungen einzusetzen.
Hier wird eine Frage aufgegriffen, die bereits in den ersten Perry Rhodan-Heften eine Rolle spielt. Wem wird die arkonidische Technik zu Verfügung gestellt? Was ist, wenn sie in falsche Hände gerät?

Logan indes versucht seinen Gehilfen unter Druck zu setzen, indem er Susan entführt. Doch Vince kann ihn überlisten und ihm einen »neuen Lebenssinn« verpassen.
Am Ende spielt auch Perry Rhodan noch eine Rolle, wenn auch nur indirekt. Es stellt sich heraus, dass er in einer Botschaft über Vince Tortinos Anwalt seinem alten Feind die Hand reicht. Denn das Aufeinandertreffen mit Tin Can hat das Leben des jungen Rhodan in eine gewisse Richtung gewendet, die ihn letztendlich auf den Mond geführt hat. Im Grunde ist aus der Rivalität etwas Gutes entwachsen und das möchte Perry zurückgeben. Zumindest will er ein entsprechendes Angebot bereitstellen.
Es ist ein Gedanke, der Mut macht: Jede schwere Phase des Lebens kann Grundstock für neue Höhen sein. Leider zeigt sich oftmals erst im Rückblick der rote Faden, der sich durch unser Leben zieht.
Auch bei Vince Tortino scheint sich letztendlich alles zum Guten zu wenden. Er hat eine Frau an seiner Seite, die ihn so zu nehmen bereit ist, wie er ist. Und die Weiße Stadt bietet ihm eine zweite Chance ohne den Ballast der Vergangenheit. Insofern kann auch für ihn das Aufeinenandertreffen mit Perry Rhodan der Ausgangspunkt für ein glückliches Leben werden. Er kann den Aufbruch in die Weiße Stadt getrost in Angriff nehmen.

Fazit

Die Geschichte nutzt die Chance, die Geschehnisse um Tin Can zu einem schönen Abschluss zu bringen. Dafür hat man in Andreas Eschbach auch den passenden Autor gewählt (oder wurde der Roman etwa für Eschbach passend konzipiert?).
Besonders gut gelungen scheint mir Beschreibung und Charakterisierung der blutjungen Dritten Macht und von Galacto City. Neben dem bereits erwähnten direkten Blick durch Vinces Augen nutzt Eschbach viele einzelne Facetten, um das Bild der Weißen Stadt und des neu entstehenden Staates im Kopf des Lesers entstehen zu lassen. Insbesondere in Dialogen und in kontrastierenden Beschreibungen zur Welt außerhalb (ja, die nehmen da tatsächlich auch Frauen bei den Raumstreitkräften) setzt er immer wieder einzelne Bildpunkte, die sich zu einem großen Ganzen verbinden.

Ansonsten ist es eine Gangsterstory mit ein klein bisschen romatischem Anklang, die mir beim Lesen sehr viel Spaß bereitet hat.
Das schöne dabei ist zudem, dass man diesen Text ohne Probleme auch Noch-nicht-Lesern zum Reinschnuppern an die Hand geben kann. Ich hatte nicht das Gefühl, dass man zu Tin Can und Logan Vorwissen benötigt hätte. Im Gegenteil: man kann als Leser zusammen mit Vince mit großen Augen durch Galacto City spazieren und den sense of wonder eines neuen Zeitalters erspüren.

Dass Andreas Eschbach Spaß an dieser Geschichte hatte, ist nicht zu übersehen. Er hat sich auch den Gag erlaubt und die Heftnummern seiner eigenen Beiträge zur Hauptserie im Text verbaut.
Insgesamt ein sehr gelungener Einstieg in die Miniminiserie, wie ich finde. Mir gelüstet nach mehr!

Und die Erwartungshaltung?

Die Erwartungen haben sich voll erfüllt. Mit der Wahl von Vince Tortino als Hauptfigur eigentlich sogar übererfüllt. Ich freue mich schon darauf, was Betty Toufry zu berichten hat.

Perry Rhodan Storys: Galacto City – Aufbruch in die Weiße Stadt

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