Handlung

Aufgefangene Hypersignale veranlassen die sieben Kinder von Cybora zu einer Forschungsreise ins Nerythsystem. Nathalie tickt an Bord der AENEAS aus und entwickelt auf ihrer Flucht durch das Schiff eigenartige telekinetische Kräfte, bevor sie paralysiert wird. Bei einem durch Störeinflüsse verursachten Absturz auf die Planetenoberfläche von Chandoril, werden die auf Beiboote aufgeteilten Jugendlichen voneinander getrennt. Das Ehepaar Rhodan entscheidet sich ebenfalls, den Ursprungsort der Signale zu besuchen, da sich Nathalies gesundheitliche Verfassung rapide verschlechtert. Mit einer getarnten Maxi Space Disk verlässt Familie Rhodan die AENEAS und manövriert erfolgreich an dem, im Orbit wartenden Fragementraumer, vorbei. Sie ereilt beim Anflug auf Chandoril ein ähnliches Schicksal wie die Kinder zuvor, nur dass Thora mit ihren Flugkünsten eine Katastrophe verhindern kann.

Im Kristallberg treffen die Kinder auf das Insektoiden-Volk der Leirus und stellen fest, dass die Hyperkristalle ihre mentale Kommunikation verhindern. In einer riesigen Kristallhöhle angekommen, gerät die Syngenese außer Kontrolle, als die gesuchte Hypersignalquelle Allmachtsphantasien bei zwei Kindern auslöst. Die Rhodans und ihre ungewollte Unterstützerin Eline Darvos treffen auf die totgeglaubten Kinder. Nathalie kommuniziert mit dem rätselhaften Schwarmgebilde aus Sternen, als die Höhle plötzlich zu beben beginnt. Kurz vor ihrem Einsturz können sich die Posbis ihre zugeteilten Kinder schnappen und alle entkommen der brenzligen Lage. Lyrie meint, einen Nakk in der Höhle gesehen zu haben, wie schon zuvor auf der AXION. Zurück auf dem Fragmentraumer nimmt dieser Kurs aus dem Nerythsystem.

Meinung

Während das Exposé momentan auf Höchstlevel performt, hat sich der Titelbildkünstler mit dem Kristallberg in ähnliche Höhen aufgemacht. Romaninhalt und Cover harmonieren hervorragend miteinander. Für meinen persönlichen Geschmack wirken die Farben etwas zu blass, um hier Bestnoten abgreifen zu können. Die Reminiszenz an Ruben Wickenhäuser ist ganz nett, geht dann aber im Romanverlauf stellenweise etwas zu sehr in Richtung Persiflage. Dennoch Daumen hoch.

Direkt im Auftaktkapitel ging es rasant los. Nathalie befand sich auf der Flucht vor ihren Eltern und der gesamten Besatzung der AENEAS. Die Geheimnisträgerin Nummer 1 im NEOversum konnte ihrer Mutter Thora im letzten Band wieder mal nicht alles erzählen. Zu gegebener Zeit würde sie sich erklären. Wenn es dann halt mal passt, der Goldene Keiler im Sternbild des Metzgers richtig steht oder Strippenzieher NATHAN es für richtig hält. Und so weiter und so fort. Sind wir Fans ja von der Ultrazicke gewohnt. Dennoch wird mit so einem Cliffhanger in Kapitel Eins natürlich die Neugierde geschürt. Von Dyade Nathalie kann man nun entweder mit kleinen Häppchen abgespeist werden oder man bekommt im Idealfall sogar ein saftiges Steak serviert. Alles ist möglich, vermutlich mit dem Schlusssatz. Da wir uns aber in der Hirdt’schen Ära befinden, war ich guter Dinge, dass auf dem Steak sogar noch etwas Kräuterbutter liegen könnte. Nun denn. Handgestoppte zweihundert Wörter waren gelesen und ich hatte schon mehr geschrieben, als die Geschichte bisher an Umfang aufwies.

Lustig, wie sich die Autoren immer wieder die Bälle gegenseitig zuspielen. Das Ping Pong zwischen Marlene von Hagen und Ruben Wickenhäuser empfand ich anfangs noch als sehr angenehm. Während der Kedälium-Erfinder in seinem Roman mit Plüscheinhörnern um sich warf, erinnerte uns die Einhorn-Lady an das eingangs erwähnte Ballspiel und ließ die Eulen tanzen. Begleitet von Hildegard der Heilerin. Zu köstlich! Gemeinsam mit dem Uhu-Posbi Nerub ging der Spaß aber erst richtig los. Ich mag diese kleinen Feinheiten, die zeigen, dass das Team harmoniert und funktioniert. Und das kommt auch beim Leser an. Zumal Ruben Wickenhäuser sein zweihundertstes Romanjubiläum mit dem vorliegenden Roman feierte. Mit fortlaufender Romandauer stellte sich mir dann aber dennoch die Frage, ob die Anzahl der zweifellos lustigen Reminiszenzen noch mit der Ernsthaftigkeit der Haupthandlung vereinbar war. Marlene von Hagen hat die Gratwanderung haarscharf ohne Blessuren überstanden.

Marlene von Hagen ließ sich viel Zeit auf ihren Nebenkriegsschauplätzen. Das Pacing innerhalb der Rhodan-Handlung und der Posbi-Kinder-Story hätte unterschiedlicher nicht sein können. Nathalie hielt die Besatzung der AENEAS in Atem, während sich die Kids mit Trividspielen die Zeit vertrieben. Und meine Zeit als Leser vertrödelten, denn es passierte im jugendlichen Romanpart über lange Strecken nicht viel. Trotz einiger Vorwarnungen betraten die Teenager irgendwann endlich mal den Zielplaneten. Stilecht mit Bruchlandung. Schmuck gekleidet in ihren neuen Einsatzanzügen, mit individuellem Vereinswappen verziert und ihren eigenen Posbi-Maskottchen. Huiuiui, das war mir ein Ticken zu viel Marvel und damit hatte ich eine kitschige Disney-Serie im Kopf und wurde diese Bilder so schnell nicht mehr los.

Einmal mehr wurde der NEO zu einem Spielplatz voller wilder Tiere und Gefahren im Dschungel. Möglicherweise war die Urwald-Story auch eine erneute Hommage an Ruben Wickenhäuser, der im NEO 331 „Gestrandet auf Eoptra“ ein ganz ähnliches Setting präsentierte. Wer kennt Torytrae, die Ceynach-Jägerin, noch? In der Odyssee-Staffel debütierte einst Marlene von Hagen mit ihrem NEO 285 „Im Kältewald“, der mir ganz hervorragend gefallen hatte. Die Leirus erinnern mich frappierend an die besagte Gottesanbeterin, allerdings wurde aus der vermeintlichen Antagonistin im Staffelverlauf eine immens wichtige Person für Perry Rhodans Odyssee. So viel zu den Rückblicken. Man kann es vielleicht herauslesen, aber ich hatte zwischenzeitlich meine Lesefreude wiedergefunden. Sei es auch hauptsächlich nur wegen dem Anreiz, gedanklich in die jüngere Vergangenheit der Serie zu reisen.

Der Abenteuerausflug von Familie Rhodan, verknüpft mit einer Gipfelwanderung in prächtiger Kristallatmosphäre, konnte mich emotional erstmals richtig einfangen. Perry hatte die Klage seiner Tochter sichtlich schwer getroffen und nachhaltig beschäftigt. Im Eröffnungsroman der Staffel erhob Nathalie schwere Vorwürfe gegen ihre Eltern, deren ständige Dienstreisen die Familienangelegenheiten stets hintenanstellen würden. Womit sie ja auch Recht hat, wenn man bedenkt, dass Perry und Thora gefühlt nur zum Kurzurlaub auf Terra weilen und sonst ganzjährig dabei sind, das Universum zu retten. Auch die Kids von Cybora hatten ihren Spaß beim Aufstieg zur Kristallhöhle und nahmen mich gleich mit. Große Teile des Romans waren lediglich ein großes Anlauf nehmen für den wirklich ganz hervorragenden Showdown in der Kristallhöhle. Hätte sich Marlene von Hagen mehr auf solche bodenständige Science Fiction konzentriert, wäre mir die dieswöchige Vergenussknusperung ein großes Fest geworden. Vor allem auch deshalb, weil die Auflösung des Rückflugkonfliktes sehr gut gelöst wurde. Und Ruben, ääääh Nebur natürlich, zum geflügelten Helden wurde. Schlägt wieder der Fluch der guten letzten zwanzig Seiten zu? Ich hoffe, nicht dauerhaft.

Positiv hängen bleibt bei mir auf jeden Fall, dass sich dank Marlene nun wieder herzlich spekulieren lässt. Auch wenn der Staffelfortschritt mit diesem Roman gefühlt keine sichtbaren Entwicklungen genommen hat, gehe ich schwer davon aus, dass vorrangig sowohl der Sternenschwarm als auch Nebencharakter Darvos in Stellung gebracht werden sollte. Für mich entwickelt sich nach und nach ein immer interessanteres Gedankenspiel. Die Zahl Neun ist durch die Loower und ihr Nonagon in NEO allgegenwärtig. Wir haben die sieben Kinder von Cybora, mit Nathalie und ihrem Bruder Thomas zwei weiter Kinder von Perry im Staffelgepäck. Macht, richtig, neun! Neun gegen das große Vorhaben des Zentralplasmas, alles wieder in Gleichklang zu bringen. Den Bau einer Abnormität kann dann wieder nur einer oder mehrere aus der angesprochenen Personengruppe aufhalten. Wie geschrieben, ist nur ein Gedankenspiel. Aber auch nach vier Romanen Metamorphose sind alle Möglichkeiten für diese Entwicklung noch vorhanden.

Zitat des Romans

Hildegard. Lasst sie uns Hildegard nennen!

Taro hat mal irgendwo in der Borddatenbank etwas von Hildegard von Bingen gelesen

Fazit und Wertung

NEO ist für mich in allererster Linie ernst gemeinte Science Fiction und weniger eine kindgerechte Superheldenserie aus den Hollywoodstudios. Mit der vorliegenden Geschichte hat Marlene von Hagen über weite Strecken das Genre klar verfehlt. Die bislang antagonistisch angehauchten Posbis wurden im aktuellen Taschenheft als lustig trottelige Hausroboterchen dargestellt, was ich als wenig konsequent erachte, wenn man die bisherige Entwicklung zu Grunde legt. Dem 200. NEO-Jubilar Ruben Wickenhäuser gratulierte die Autorin mit einigen lustigen und herzlichen Reminiszenzen, plus einem Einsatzroboter in Uhu-Optik. Die sieben Jugendlichen bekamen nicht nur Einsatzanzüge mit eigenen Emblemen, sondern auch noch einige interessante Charaktereinblicke spendiert. Ich wurde mit dem Roman dennoch nie richtig warm, da die häufigen Ausflüge ins Kindliche immer wieder für ungewollte Ablenkung sorgten. DC Universe meets Paw Patrol im Nachmittagsprogramm vom Kinderkanal. In etwa das beschreibt meine Lesegrundstimmung ganz passend. Grundsätzlich bin ich bei NEO für alle Experimente offen, solange diese flächendeckend für Spannung und gute Unterhaltung sorgen. Beides war zumindest in Ansätzen vorhanden, vor allem zum Ende hin konnte ich wieder unbeschwert in die Geschichte eintauchen. Das Finale in der Kristallgrotte hat mir sehr gut gefallen und entschädigte für den langen Anlauf, den die Geschichte nehmen musste. Um in dieser hervorragenden Staffel an der Spitze mitspielen zu können, reichte es dennoch bei weitem nicht. Ruben Wickenhäuser danke ich für sein riesiges Engagement, denn nach zweihundert Bänden hat er uns viele geniale und wahnsinnige Lesemomente beschert. Für Marlene von Hagen bleiben diesmal nur drei von fünf kedäliumspielende Superhelden übrig, die nach einem halbwegs erfolgreichen Match zum eulenverzierten Trikottausch bitten! Wobei einer sich fast nicht traut, sich auszuziehen, weil ihm erste Härchen auf der Brust gewachsen sind.

Review: Perry Rhodan NEO 373 – Mission Kristallberg
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